Schlaraffia

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Die Schlaraffia ist ein weltweit verbreiteter Männerbund, der im Jahr 1859 in Prag von Künstlern gegründet wurde. Ihr Ziel ist die Pflege von Kunst, Humor und Freundschaft in einem bewusst spielerischen Rahmen. Dabei bedient sich die Gemeinschaft eines an das Mittelalter angelehnten Zeremoniells, das jedoch nicht ernsthaft historisch gemeint ist, sondern als humorvolle Inszenierung dient. In dieser besonderen „Spielwelt“ legen die Mitglieder ihren beruflichen und gesellschaftlichen Alltag ab und begegnen einander auf Augenhöhe. Gespräche über Politik, Religion oder geschäftliche Interessen sind ausgeschlossen, wodurch ein geschützter Raum entsteht, der ganz der geistigen Unterhaltung, der Kreativität und der freundschaftlichen Begegnung gewidmet ist.

 

Im Zentrum des schlaraffischen Lebens stehen die sogenannten „Sippungen“, die regelmäßig in der „Burg“ eines lokalen „Reyches“ stattfinden. Die Mitglieder – „Sassen“ genannt – gliedern sich symbolisch in Knappen, Junker und Ritter und nehmen aktiv am Spiel teil. Besucher werden als „Pilger“ empfangen, während Anwärter als „Prüflinge“ erste Einblicke gewinnen können. Die Sippungen folgen einem festen, jedoch humorvoll ausgestalteten Ablauf. Ein wichtiger Bestandteil ist das sogenannte „Fechsen“, bei dem Mitglieder Vorträge, Gedichte, musikalische Darbietungen oder andere künstlerische Beiträge präsentieren. Dabei steht nicht Perfektion im Vordergrund, sondern die Freude am Ausdruck und die Bereitschaft, sich vor den anderen zu zeigen. Überlange Beiträge werden augenzwinkernd „abgeschnitten“, was den spielerischen Charakter zusätzlich unterstreicht.

 

Ein besonderes Merkmal der Schlaraffia ist ihre eigene Sprache, das sogenannte „Schlaraffenlatein“. Begriffe des Alltags werden durch fantasievolle Ausdrücke ersetzt: Man „atzt“ statt zu essen, „labt“ sich statt zu trinken und bezahlt mit symbolischen Währungen wie „Reychsmark“ oder „Rosenobel“. Auch die Zeitrechnung folgt eigenen Regeln, dem „Uhujahr“, benannt nach dem Uhu, dem Symboltier der Schlaraffia, das für Weisheit steht. Diese sprachlichen und symbolischen Eigenheiten tragen dazu bei, den Alltag bewusst hinter sich zu lassen und in eine Welt einzutauchen, die von Humor, Ironie und gemeinsamer Fantasie geprägt ist.

 

Inhaltlich versteht sich die Schlaraffia als Ort geistiger Genüsse. Kunst und Kultur in all ihren Formen – Musik, Literatur, Dichtung, Vorträge und auch populärwissenschaftliche Themen – stehen im Mittelpunkt. Dabei wirken sowohl Berufskünstler als auch Amateure mit, ohne dass es zu Konkurrenzdenken oder Leistungsdruck kommt. Viele Mitglieder genießen es ebenso, einfach zuzuhören und die Beiträge der anderen zu erleben. Die Gemeinschaft legt großen Wert auf gegenseitigen Respekt und echte Freundschaft. Gerade diese Verbindung von künstlerischem Ausdruck und kameradschaftlicher Atmosphäre macht den besonderen Reiz der Schlaraffia aus.

 

Ein konkretes Beispiel für diese Tradition ist die Schlaraffia in São Paulo in Brasilien, bekannt als Schlaraffia Paulista. Sie wurde im Jahr 1929 gegründet und entwickelte sich trotz schwieriger Zeiten – insbesondere während des Zweiten Weltkriegs – zu einem festen Bestandteil des kulturellen Lebens ihrer Mitglieder. Nach einer Phase der Unterbrechung wurde das Reych wiederbelebt und wuchs kontinuierlich. Über die Jahrzehnte hinweg fanden zahlreiche Sippungen statt, bei denen sich Mitglieder aus unterschiedlichen Ländern begegneten und austauschten. Auch bedeutende Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Literatur gehörten zeitweise zur Gemeinschaft oder standen ihr nahe.

 

Die Schlaraffia Paulista hatte lange Zeit mit der Frage eines festen Versammlungsortes zu kämpfen, bis schließlich in São Paulo eine eigene „Burg“ errichtet wurde. Dieser Ort wurde zum Zentrum des gemeinschaftlichen Lebens und bietet bis heute den Rahmen für die regelmäßigen Treffen. Die Gestaltung der Räume, oft mit künstlerischen Darstellungen, Wappen und symbolischen Elementen, unterstreicht die besondere Atmosphäre des schlaraffischen Spiels. Hier verbinden sich Tradition, Kreativität und Gemeinschaft zu einem einzigartigen Erlebnis.

 

Ein wesentlicher Aspekt der Schlaraffia ist die bewusste Trennung von der Alltagswelt. Die Mitglieder betreten die „Burg“ gewissermaßen als andere Personen, nehmen ritterliche Namen an und bewegen sich innerhalb eines festgelegten, aber humorvollen Regelwerks. Dieses ist im sogenannten „Spiegel und Ceremoniale“ festgehalten, das zugleich Orientierung und Spielanleitung ist. Konflikte werden nicht ernsthaft ausgetragen, sondern in Form von geistreich inszenierten „Duellen“, bei denen Wortwitz und Kreativität gefragt sind. Ziel ist es stets, die Gemeinschaft zu stärken und das gemeinsame Erlebnis zu bereichern.

 

Traditionell ist die Schlaraffia eine Männergemeinschaft, was historisch mit dem ritterlichen Spiel und dessen Symbolik begründet wird. Frauen sind jedoch keineswegs ausgeschlossen aus dem weiteren Umfeld: Bei besonderen Veranstaltungen, Festen oder eigens gestalteten Abenden nehmen sie teil und tragen zum gesellschaftlichen Leben bei. Viele Mitglieder berichten, dass die Teilnahme an den Sippungen ihnen hilft, Abstand vom Alltag zu gewinnen und mit neuer Energie und guter Stimmung in ihr privates Umfeld zurückzukehren.

 

Zusammenfassend lässt sich die Schlaraffia als eine einzigartige Verbindung von Spiel, Kunst und Freundschaft beschreiben. Sie schafft einen Raum, in dem Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammenkommen, um sich kreativ auszudrücken, miteinander zu lachen und eine besondere Form der Gemeinschaft zu erleben. Gerade in einer Zeit, die oft von Hektik und Leistungsdruck geprägt ist, bietet die Schlaraffia eine wohltuende Alternative: ein „Schlaraffenland des Geistes“, in dem Humor, Fantasie und menschliche Verbundenheit im Mittelpunkt stehen.

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